Das Studienfach richtig wählen — ohne es zu bereuen
Eine Umfrage der US-amerikanischen Federal Reserve unter mehr als 11 000 Absolventinnen und Absolventen (2023) ergab: Jede dritte Person hätte lieber ein anderes Fach gewählt. Unter Absolventinnen und Absolventen der Sozial- und Verhaltenswissenschaften steigt dieser Anteil auf 44 %. Das ist kein persönliches Versagen — sondern der systematische Effekt dessen, wie Berufserwartungen entstehen, wenn man ein Fach von außen beurteilt.
35 % der Absolventinnen und Absolventen bereuen ihr Studienfach, weil sie von außen nach innen gewählt haben — nach dem Bild eines Berufs, nicht nach dem, was er wirklich beinhaltet. Das lässt sich vor der Immatrikulation korrigieren: Ein Gespräch mit einer Fachkraft über einen gewöhnlichen Arbeitstag liefert mehr verwertbare Informationen als jede Studiengangsbeschreibung.
Studienfächer werden nach ihrem Bild gewählt. «Journalistin», «Anwalt», «Biologin» — Bildwörter. Hinter jedem stecken Hunderte Stunden konkreter Aufgaben, die eine Person fesseln und eine andere zur Weißglut treiben. Die meisten von uns haben nie beobachtet, wie eine Fachkraft in diesem Berufsfeld einen gewöhnlichen Dienstag durcharbeitet. Wer nach dem Bild wählt, prognostiziert den Spaß an etwas, das man noch nie von innen gesehen hat — und diese Prognose geht systematisch schief.
Woher kommt diese eine von drei Personen
Die US-amerikanische Federal Reserve veröffentlicht jährlich den Bericht «Economic Well-Being of US Households». In der Ausgabe 2023, mit Daten von mehr als 11 000 Absolventinnen und Absolventen, gaben 35 % an, sie hätten lieber ein anderes Studiengebiet gewählt. Die Aufschlüsselung nach Fächern ist aufschlussreich: Unter jenen, die Sozial- und Verhaltenswissenschaften studiert haben, liegt die Reue bei 44 %; unter Geistes- und Kunstwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern bei 43 %. Den niedrigsten Wert weisen Medizin und Zahnmedizin auf: Nur 16 % dieser Absolventinnen und Absolventen würden anders wählen.
Warum bereuen Medizinerinnen und Mediziner ihre Studienwahl so selten? Ihre berufliche Welt ist vor der Immatrikulation ungewöhnlich gut sichtbar: ein langer Weg durch klinische Praktika, frühe Spezialisierung, klare Anforderungen. Die Studierenden wissen lange vor dem Abschluss, was sie erwartet. Breite geisteswissenschaftliche Studiengänge streuen Absolventinnen und Absolventen über einen weiteren Arbeitsmarkt — was die Lücke zwischen Erwartung und Realität vergrößert. Die entscheidende Frage ist daher nicht nur was man studieren soll, sondern wie man ein Fach vor der Entscheidung überprüft.
Warum die Prognose systematisch falsch liegt
Timothy Wilson (University of Virginia) und Daniel Gilbert (Harvard) haben 2005 in der Zeitschrift Current Directions in Psychological Science jahrelange Experimente zur affektiven Vorhersage zusammengefasst — also dazu, wie Menschen ihre zukünftigen emotionalen Zustände antizipieren. Das Ergebnis: Menschen überschätzen systematisch sowohl die Intensität als auch die Dauer ihrer künftigen Gefühle. Wilson und Gilbert nannten dies den Impact Bias.
Wer ein Studienfach nach seinem Bild wählt, prognostiziert von den Hochpunkten des Berufs aus. Der Arbeitsalltag besteht zu 80 % aus Routine zwischen diesen Momenten.
Im Kontext der Studienwahl funktioniert der Mechanismus so: Wenn man sich in einem Beruf vorstellt, fixiert man sich auf die eindrucksvollen Momente — das interessante Projekt, das sichtbare Ergebnis. Wilson und Gilbert nennen das Focalism: Wir unterschätzen, wie sehr unser künftiges Wohlbefinden nicht von Höhepunkten, sondern von der gewöhnlichen Beschaffenheit jedes Arbeitstages bestimmt wird.
2022 veröffentlichten Liu und Kolleginnen und Kollegen in Frontiers in Psychology eine Studie, die diesen Effekt direkt in einem beruflichen Kontext untersuchte. Unter Teilnehmenden mit geringer Einbindung in den Beruf — jenen, die ihn wenig von innen kannten — war der Vorhersagefehler deutlich höher: Sie prognostizierten ihr Interesse an der Arbeit erheblich ungenauer als Personen, die den Beruf von innen kannten. Wer stärker eingebunden war, sagte präzise voraus. Die praktische Schlussfolgerung ist eindeutig: Reue über ein Studienfach ist zu einem großen Teil ein Problem mangelnder direkter Exposition, kein Problem der Schwierigkeit der Entscheidung an sich.
Was man vor der Immatrikulation prüfen sollte
Das Informationsgespräch ist das zugänglichste Überprüfungsinstrument. Es handelt sich um ein 20- bis 30-minütiges Gespräch mit jemandem, der im betreffenden Berufsfeld arbeitet. Die entscheidende Frage ist nicht «Wie bist du dahin gekommen?», sondern: «Beschreib mir deinen gestrigen Tag — was hast du von neun bis achtzehn Uhr gemacht?» Diese Frage legt die Routine offen, die bei Tagen der offenen Tür nicht gezeigt wird und in Studiengangsbeschreibungen nicht auftaucht.
Das Berufs-Shadowing geht weiter: einige Stunden als stille Beobachterin oder stiller Beobachter neben einer Fachkraft, nicht als Gesprächspartnerin oder Gesprächspartner. Schon wenige Stunden direkter Beobachtung vermitteln etwas, das keine Beschreibung leisten kann: ob Tempo, Interaktionen und Art der Aufgaben dazu passen, wie man selbst arbeiten möchte.
Die dritte Prüfung betrifft den Aufgabentyp, nicht den Berufsbezeichnung. Hinter dem Wort «Marketingfachkraft» verbergen sich Datenanalystin, Texter, Kampagnenmanagerin und Produktstrategin — unterschiedliche Denkweisen, unterschiedliche Arbeitstage. Deshalb fragt ein RIASEC-basierter Berufseignungstest nicht «Willst du im Marketing arbeiten?», sondern: Magst du mit Zahlen arbeiten? Überzeugen? Gestalten? Und er gleicht diese Antworten mit dem ab, was der Beruf tatsächlich verlangt.
Was tun, wenn man bereits eingeschrieben ist?
Wenn die Immatrikulation bereits erfolgt ist, liefern die Daten derselben Federal-Reserve-Umfrage eine unerwartete Nuance: Die meisten reumütigen Absolventinnen und Absolventen würden nicht grundsätzlich auf Hochschulbildung verzichten. Sie bereuen einen bestimmten Studiengang, nicht den Abschluss selbst. Das Signal lautet oft nicht «alles ist falsch», sondern «ich gehe innerhalb meines Fachbereichs in die falsche Richtung».
Bevor man eine drastische Entscheidung trifft, lohnt es sich zu klären, wo die Diskrepanz wirklich liegt. Ein Berufseignungstest zeigt, wie das eigene Interessenprofil zu verschiedenen Arbeitstypen passt — einschließlich Tätigkeiten innerhalb des gewählten Fachbereichs. Oft reicht ein Richtungswechsel oder ein anderer Einstiegspunkt in dasselbe Berufsfeld.
Was du jetzt tun kannst
- Such dir jemanden, der im Berufsfeld tätig ist, das dich interessiert, und bitte darum, einen typischen Arbeitstag zu beschreiben — nicht die Karrieregeschichte, sondern konkret: gestern.
- Organisiere wenn möglich ein Berufs-Shadowing: Einige Stunden direkter Beobachtung sagen mehr über die Passung aus als ein Monat Lektüre von Studiengangsbeschreibungen.
- Mach den kostenlosen Berufseignungstest — er zeigt nicht nur, welche Berufe passen, sondern auch, welche Aufgabentypen deiner Interessenstruktur entsprechen.
- Wenn du bereits eingeschrieben bist, identifiziere zunächst, wo die Lücke liegt — bei der Aufgabenart, der Spezialisierung oder dem Umfeld — bevor du etwas Grundlegendes änderst.
Häufig gestellte Fragen
Ist es normal, nicht zu wissen, was man studieren soll?
Ja, und das Ausmaß ist größer als die meisten vermuten. Die OECD (2025) hat festgestellt, dass 39 % der 15-Jährigen in 81 Ländern keine klaren Berufsvorstellungen haben — doppelt so viele wie 2018. Unsicherheit ist kein Persönlichkeitsfehler, sondern ein Signal: Es fehlen konkrete Informationen, nicht Entschlossenheit. Ein Berufseignungstest ist ein guter erster Schritt zu diesen Informationen.
Kann ein Berufseignungstest bei der Studienwahl helfen?
Ein Test gibt eine Richtung — ein Interessenprofil und eine Liste von Studiengängen mit hoher Übereinstimmung. Ohne Überprüfung von innen (Gespräch mit einer Fachkraft, Schnupperprojekt) funktioniert er aber wie eine Landkarte ohne Gelände. Nutze ihn als ersten Schritt, nicht als endgültige Antwort.
Was tun, wenn man bereits eingeschrieben ist und merkt, dass es nicht passt?
Identifiziere zunächst, was genau nicht stimmt: die Art der Aufgaben, die Spezialisierung, das Umfeld oder etwas anderes. Die Daten der Federal Reserve (2023) zeigen, dass die meisten reumütigen Absolventinnen und Absolventen nicht grundsätzlich auf höhere Bildung verzichten würden — sie bereuen einen bestimmten Studiengang, nicht den Abschluss selbst. Oft reicht ein Richtungswechsel innerhalb desselben Berufsfelds, und ein Berufseignungstest kann helfen, herauszufinden, wo die Diskrepanz tatsächlich liegt.
Quellen
- Board of Governors of the Federal Reserve System (2024). Economic Well-Being of U.S. Households in 2023. Federal Reserve. federalreserve.gov
- Wilson, T. D., & Gilbert, D. T. (2005). Affective forecasting: Knowing what to want. Current Directions in Psychological Science, 14(3), 131–135. doi.org/10.1111/j.0963-7214.2005.00355.x
- Liu Q. u. a. (2022). Surprisingness and Occupational Engagement Influence Affective Forecasting in Career-Relevant Contexts. Frontiers in Psychology, 13, 838765. doi.org/10.3389/fpsyg.2022.838765
- OECD (2025). PISA 2022 Report on Career Expectations. OECD Publishing.
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Bildungszwecken und stellt keine professionelle Beratung dar. Testergebnisse basieren auf dem RIASEC-Modell und sind weder eine Diagnose noch eine Garantie.
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