Das Hochstapler-Syndrom: wenn Erfolg nicht überzeugt
1978 veröffentlichten die klinische Psychologin Pauline Clance und ihre Kollegin Suzanne Imes in Psychotherapy: Theory, Research & Practice einen Artikel, der auf Interviews mit mehr als 150 sehr erfolgreichen Frauen — Wissenschaftlerinnen, Ärztinnen, Forscherinnen an US-Universitäten — beruhte. Keine von ihnen täuschte ihren Arbeitgeber. Fast alle waren überzeugt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis alle merkten, dass sie nicht dort hingehörten. Clance nannte das das „Impostor-Phänomen" — und 45 Jahre später nahm die Forschung eine Wendung, die niemand erwartet hatte.
Das Hochstapler-Syndrom ist ein Muster falscher Attribution: Erfolge werden dem Glück oder den Umständen zugeschrieben, Misserfolge der eigenen Inkompetenz. Eine systematische Übersicht von Bravata und Kollegen (Journal of General Internal Medicine, 2020) schätzte, dass bis zu 82 % der Menschen es mindestens einmal erleben. Es ist keine psychische Erkrankung. Ohne Bewusstsein dafür wird es zu einer dauerhaften Bremse.
Du hast gerade eine Präsentation gehalten, die gut lief. Deine Vorgesetzte war zufrieden, die Kolleginnen und Kollegen haben zugestimmt. Und innen — die leise Gewissheit, dass es Glück war, und das nächste Mal wird es offensichtlich werden. Das ist keine Bescheidenheit und kein geringes Selbstwertgefühl. Dieses Gefühl hat einen präzisen Mechanismus — und etwas Unerwartetes darin.
Woher der Begriff stammt
1978 veröffentlichten die klinischen Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes in Psychotherapy: Theory, Research & Practice was zu einem der meistzitierten Artikel der Arbeitspsychologie werden sollte. Sie hatten klinische Interviews mit mehr als 150 sehr erfolgreichen Frauen — Professorinnen, Forscherinnen, Ärztinnen an führenden US-Universitäten — durchgeführt. Keine von ihnen täuschte tatsächlich jemanden. Aber fast alle teilten eine anhaltende innere Erfahrung von „intellektueller Unaufrichtigkeit" — die Überzeugung, ihre Position nicht verdient zu haben und auf Bewährung zu sein, bis jemand es bemerkte.
Clance wählte bewusst den Begriff „Phänomen" und nicht „Syndrom" — keine Störung, sondern ein Erlebensmuster. Diese Unterscheidung ist noch heute relevant: das Impostor-Phänomen steht weder in der ICD-11 noch im DSM-5.
Wie die Schleife funktioniert
Der Mechanismus ist eine falsche Attribution in beide Richtungen gleichzeitig. Wenn alles gut läuft, wird Erfolg externen Ursachen zugeschrieben: günstiger Zeitpunkt, einfache Fragen, hilfreiche Kolleginnen. Wenn etwas schiefläuft, kippt die Erklärung sofort ins Innere: Ich bin nicht gut genug. Kein Erfolg zählt als Beweis für Kompetenz, und jeder Misserfolg bestätigt deren Fehlen. Die Schleife schließt sich von selbst — kein Leistungsnachweis öffnet sie.
Wen es trifft — und wann
Clance und Imes dokumentierten das Muster ursprünglich bei leistungsstarken Frauen. Spätere Forschung hat es weit über das Geschlecht hinaus ausgedehnt. Eine systematische Übersicht von Dena Bravata und Kollegen, 2020 im Journal of General Internal Medicine veröffentlicht, analysierte Dutzende Studien und schätzte, dass bis zu 82 % der Menschen es mindestens einmal erleben. Die Hochphasen sind meist Übergänge: die erste richtige Stelle, die erste Beförderung, das erste große Projekt mit alleiniger Verantwortung. In diesen Momenten verschwinden die gewohnten Kompetenzbelege vorübergehend — und die Schleife wird lauter.
Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung, die häufiger Hochstapler-Gedanken berichteten, erhielten von Patientinnen und Patienten höhere Bewertungen für Aufmerksamkeit und zwischenmenschlichen Kontakt — verglichen mit denen, die nicht an sich zweifelten.
Die unerwartete Wendung — was MIT Sloan 2022 fand
2022 veröffentlichte Basima Tewfik von der MIT Sloan School of Management im Academy of Management Journal die Ergebnisse von vier Studien mit insgesamt 3.603 Teilnehmenden. In einer davon — über 150 Beschäftigte einer Anlageberatungsfirma — erhielten diejenigen, die häufiger Hochstapler-Gedanken erlebten, von ihren Vorgesetzten höhere Bewertungen für zwischenmenschliche Effektivität. In einer anderen Studie mit über 70 Ärztinnen und Ärzten in der Weiterbildung orientierten sich diejenigen mit häufigeren Hochstapler-Gedanken körperlich mehr zur Patientin oder zum Patienten: mehr Blickkontakt, mehr Zuhören. Die Patientinnen und Patienten bewerteten sie höher. Der Artikel wurde einer der meistgelesenen der Zeitschrift in diesem Jahr.
Die Erklärung: Selbstzweifel machen Menschen aufmerksamer für andere. Sie arbeiten härter, um das Defizit zu kompensieren, das sie zu haben glauben. Das bedeutet nicht, dass das Hochstapler-Syndrom kultiviert werden sollte. Es bedeutet, dass das Gefühl selbst kein direktes Hindernis für die Leistung ist. Was zum Hindernis wird, ist seine Deutung — es als Beweis für Inkompetenz zu behandeln statt als vertrautes Muster in Übergangszeiten.
Was dagegen hilft
Darauf zu warten, dass Erfahrung es von allein heilt, ist keine Strategie. Erfahrung setzt die Attributionsschleife nicht zurück: das Muster läuft unabhängig von Dienstjahren oder der Anzahl der Erfolge.
Was du jetzt tun kannst
- Benenne es laut. Nicht als Klage — als Erkenntnis. Sag dir: „Ich stecke gerade in diesem Muster." Benennen unterbricht den Automatismus: das Gefühl tritt aus dem Hintergrundlärm in den Blickpunkt.
- Trenne Gefühl von Beleg. Frage dich: Welche konkreten Belege habe ich — für und gegen meine Kompetenz? Ohne Konkretes ist „Ich bin nicht gut genug" nur Lärm.
- Überprüfe dein echtes Profil. Mach den kostenlosen Berufseignungstest — er zeigt, wo du wirklich stark bist, auf Basis deines echten Interessenprofils, nicht eines eingebildeten Defizits.
- Wenn die Angst chronisch ist und die Arbeit beeinträchtigt, erwäge das Gespräch mit einer Fachperson. Das Attributionsmuster spricht gut auf kognitive Verhaltenstherapie an.
Häufige Fragen
Ist das Hochstapler-Syndrom eine psychische Erkrankung?
Nein. Es ist weder in der ICD-11 noch im DSM-5 als Störung gelistet. Die systematische Übersicht von Bravata und Kollegen (Journal of General Internal Medicine, 2020) beschreibt es als psychologisches Muster: bis zu 82 % der Menschen erleben es mindestens einmal. Ist es chronisch und beeinträchtigt die Arbeit, lohnt sich das Gespräch mit einer Fachperson — das Gefühl selbst ist keine Pathologie.
Warum verschwindet es nicht mit Erfahrung und Erfolgen?
Weil der Mechanismus in beide Richtungen funktioniert: Erfolge werden dem Glück oder äußeren Faktoren zugeschrieben und zählen nicht als Beweis für Kompetenz. Misserfolge werden echter Inkompetenz zugeschrieben. Die Schleife ist geschlossen. Dieses Attributionsmuster wurde von Clance und Imes 1978 in Psychotherapy beschrieben — und hat sich seitdem nicht verändert.
Was hilft wirklich?
Drei Schritte mit Logik: es laut benennen — Erkennung unterbricht den Automatismus; Gefühl von Beleg trennen (fragen: Welche konkreten Belege habe ich für und gegen meine Kompetenz?); das echte Stärke-Profil überprüfen — ein Berufseignungstest zeigt, was wirklich funktioniert, nicht ein eingebildetes Defizit.
Quellen
- Clance, P. R., & Imes, S. A. (1978). The impostor phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 15(3), 241–247.
- Tewfik, B. A. (2022). The Impostor Phenomenon Revisited: Examining the Relationship Between Workplace Impostor Thoughts and Interpersonal Effectiveness at Work. Academy of Management Journal, 65(3), 988–1018. journals.aom.org/doi/10.5465/amj.2020.1627
- Bravata, D. M., Watts, S. A., Keefer, A. L., et al. (2020). Prevalence, Predictors, and Treatment of Impostor Syndrome: A Systematic Review. Journal of General Internal Medicine, 35, 1252–1275. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31848865
Dieses Material dient Bildungszwecken und stellt keine professionelle Beratung dar. Wenn die Angst chronisch ist und Arbeit oder Privatleben beeinträchtigt, wende dich an eine qualifizierte Fachperson für psychische Gesundheit.
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